Grundlagen des Taijiquan

01.01.2005

Song

Die Bezeichnung Song wird oft übersetzt als entspannt, lose oder locker. Im Zusammenhang mit dem Taijiquan ist diese Erklärung nicht ausreichend. Die Qualität von Song ist eine der wichtigsten Eigenschaften, die es zu verstehen und üben gilt.

Ruhig, klar und gelassen sein, sich von störenden Gedanken befreien, die Aufmerksamkeit tief auf das innere Selbst, aber auch nach außen richten zu können, all das sind Eigenschaften von Song. Wie von einem Seidenfadensanft nach oben gezogen ist der Körper natürlich aufgerichtet und entfaltet sich entspannt in alle Richtungen. 

Diese Merkmale sollten jedoch niemals mit Schlaffheit verwechselt werden. Letztlich wird eine Tiefenentspannung erstrebet, die den ungehinderten Fluss der Feinstofflichkeit des Körpers zu bewegen vermag. 

Wurzeln

Eine Voraussetzung des Wurzelns ist eine korrekte Beinstellung in den Körperpositionen. Das bedeutet in der Lage zu sein, die ganze Form über eine sitzende Position zu wahren, wobei während des Sinkens das Gesäß entspannt geöffnet wird und es der Wirbelsäule ermöglicht wird, sich natürlich auszudehnen.

Der Pferde- und Bogenstand (Mabu bzw. Zhengbu oder Gongbu) mit seiner deutlich parallelen Ausrichtung ist die Grundstellung für die meisten Positionen. Eine weitere Grundlage ist das Falten der Hüfte. Es ist unbedingt zu vermeiden, dass die Hüftgelenke durchgestreckt werden. Ansonsten wird ein Punkt überschritten, in dem eine sitzende Bogenposition nicht mehr aufrecht erhalten werden kann.

Dieser Bogen verliert außerdem seine Funktionalität, wenn entweder die Position zu hoch ist, die Knie durchgedrückt werden oder die Hüfte zu weit eingedreht wird. Die meisten der Positionen haben eine seitliche Ausrichtung mit den Hüften in ihrer Zentralachse. Bei der Schrittarbeit sollte darauf geachtet werden, dass beim Schritt das Nachrutschen mit dem Fuß des Standbeines vermieden wird. Das Abrollen und Anheben des Fußes geschieht leicht und natürlich, ohne jegliche Anspannung oder Steifheit. Der Schritt beschreibt einen Bogen, in dem das Bein über eine aktive Hüftbewegung vorwärts schreitend und dann der Fuß über die Ferse sanft abrollend aufgesetzt wird.

Fülle und Rundheit

Fülle und Rundheit dürfen nicht getrennt werden. Fülle ohne Rundheit führt zu Steifheit und geraden Linien. Rundheit ohne Fülle öffnet den Körper nicht. Fülle mit Rundheit öffnet die Gelenke, dehnt sanft die Muskeln und Sehnen und verbessert den Fluss von Qi und Blut. Bögen erscheinen durchweg im Körper, als ob Beine, Arme und Rumpf eine riesige Kugel umarmen würden. Diese Position ist das Spiegelbild einer Kugel, welche sich in Endlosigkeit ausdehnen kann. Das Beibehalten von Fülle und Rundheit in den unzähligen Übergängen von einer Position zur anderen ist eine große Herausforderung, welche ohne Aufmerksamkeit nicht einfach gewahrt werden kann.

Das Zuordnen von Rundheit bezieht sich außerdem auf die Art und Richtung der Arm- und Beinbewegungen. Wenn der Körper sich bewegt, erzeugen die runden, kreisenden Bewegungen der Arme und Beine ein mit Fülle spiralförmiges "Schrauben" im Raum. Chen Xin (1849-1929) aus der 16. Generation des Chen-Clans aus Chenjiagou sagt in seinem Manuskript "Chen Shi Taijiquan Tushuo" (Abbildungen und Erläuterungen zum Taijiquan des Chen Clans): "Die Ausführung des Taijiquan erfordert das Verständnis von der Fähigkeit einen Seidenfaden aufzuwickeln, Chanfa (spiralförmige Bewegung). Diese Spiralkraft ist Bedingung, um das ursprüngliche Qi (Zhong Qi) zu führen. Wird Chanfa nicht klar verstanden, kann man auch die Boxkunst nicht verstehen."

Diese dynamischen Spiralen sind ein Spiegelbild der eigenen Rundheit und sind ebenso wichtig oder vielleicht sogar wichtiger als die statische Rundheit in der End- oder Ausgangsposition einer jeden Bewegung.

Bewegungsfluss

Eigentlich ist der Bewegungsfluss die Fertigkeit von Synchronisation in der Bewegung der Gliedmaßen. Dadurch wird erreicht, dass sie sich gleichzeitig fortführend ohne Unterbrechung von Anfang bis zum Ende einer Position bewegen.

Eine gebräuchlich benutzte Redensart im Taijiquan ist "Yi Dong Bai Dong": wenn sich ein Teil des Körpers bewegt, bewegen sich hundert Teile gleichzeitig. Nichts bewegt sich in Isolation und alles bewegt sich gemeinsam.

Obwohl alles zusammen agiert, gibt es trotzdem auch eine eigenständige Aktion in jedem Körperteil. Dieses zu wahren und trotzdem den Körper als eine Einheit zu bewegen ist eine Qualität, die nicht einfach zu bewerkstelligen ist und große Weichheit und Geschmeidigkeit in den Gelenken erfordert. Die Fußgelenke, Knie, Hüften, Schultern, Ellenbogen und Handgelenke sollten allmählich und fortlaufend rotieren. Nichts ist steif oder fixiert, sondern eine verbundene Beweglichkeit, die den ungehinderten Fluss in der Aktion fördert.