Die Kunst des Laufens

Vor Weihnachten hatte ich die Gelegenheit, mit Dietmar über das Laufen zu plaudern. Das Laufen ist meine große Leidenschaft. Nicht als Wettbewerb. Nicht wegen Tempo oder Strecke. Sondern einfach, um des Laufens willen. Vor 10 Jahren war es fast vorbei damit, als meine Achillessehne mich massiv ärgerte. Ich verschlang alle möglichen Bücher über Laufstil, funktionales Training, Barfußlaufen und probierte auch fast alles aus. Mit mäßigem Erfolg. Den Durchbruch schaffte ich mit einem Buch, in dem eine Trainingsmethode basierend auf Taiji-Prinzipien propagiert wurde. Ich war fasziniert von dieser Bewegungskunst im Laufen und wollte unbedingt den Ursprung lernen. So kam ich in die Pagode und lernte eine weitere Leidenschaft kennen. Nach inzwischen 8 Jahren Taijiquan Training freute ich mich ungemein darüber, mich mit Dietmar einmal über die "Kunst des Laufens" auszutauschen.

Dietmar läuft seit vielen Jahren täglich. "Schon 30 Minuten langsames Laufen im Sauerstoffüberschuss reicht, um die Ausdauer nachhaltig und verletzungsfrei zu verbessern." Dietmar kennt viele Langstreckenläufer, die mit viel zu hohem Puls unterwegs sind und mit Krämpfen kämpfen, um ihre Ziele zu erreichen. "Das kann nicht richtig sein." Dieser sogenannte Supersauerstofflauf ist inzwischen auch in vielen Lauftrainingsbüchern zu finden. Die wirklich guten Langstreckenläufer schwören darauf, weil er Bewegung und Durchblutung mit einem Minimum an Regenerationsbedarf verbindet. Für den Puls ist eine Obergrenze von 130 Schlägen pro Minute ein guter Richtwert. Wer seine Pulsobergrenze individuell genauer wissen will, kann das in einer Leistungsdiagnostik messen lassen.

Voraussetzung für das Laufen im Sauerstoffüberschuss ist die richtige Atmung. "Ohne Bauchatmung geht gar nichts," meint Dietmar. Zum einen ist die tiefe Atmung nötig, um genügend Sauerstoff zu tanken. Aber wie im Taiji brauchen wir auch im Laufen eine möglichst gute Erdung. Und das gelingt durch die Bauchatmung. Bleiben wir oben bei der Brustatmung, ist das Hochziehen der Schultern und Verkrampfen im Nackenbereich schon fast vorprogrammiert.

Als Läufer interessiert mich natürlich brennend die Frage, nach dem richtigen Fußaufsatz. In der Laufliteratur wird in den letzten Jahren das Laufen auf dem Ballen als natürlich und als Geheimrezept der Kenianer propagiert. "Das Laufen über den Ballen erfordert sehr viel Können," meint Dietmar. "Ein Abrollen von der Ferse über den ganzen Fuß ist viel natürlicher, besonders für den Hobbyläufer." Sanft wie eine Katze, wir kennen diesen Schritt im Taiji. Dabei wird die Ferse nur ganz kurz flach aufgesetzt und direkt abgerollt. Wichtig ist dabei, den Fußaufsatz nicht isoliert zu sehen, sondern den Körper im Lot zu halten und der Schwerkraft zu folgen. Der Fußaufsatz entwickelt sich dann ganz natürlich. Diesen natürlichen Fußaufsatz kann man am besten einmal barfuß auf Asphalt probieren. Das Feedback von Füßen und Knien spürt man ganz schnell.  

Ich erzähle Dietmar, wie ich unsere Grundhaltung aus der stehenden Säule vor Jahren ins Laufen übertragen habe. Dass mir die parallele Fußstellung geholfen hat, beim Laufen nicht mehr nach Innen zu knicken. "Das Laufen basiert auf Schwung und Pendelbewegung," meint Dietmar. Anders als beim Taiji, bei dem wir filigrane Bewegungsbilder studieren, gilt es beim Laufen primär diesen natürlichen Schwung zuzulassen und dabei Nacken und Schultern zu lockern. "Die meisten Läufer halten ihre Arme zu weit oben und zu eng. Der Oberkörper blockiert dadurch und oft werden die Schultern hochgezogen." Dietmar lässt seine Arme tief und ganz natürlich mit dem Schritt mitschwingen.

Jetzt muss ich Dietmar unbedingt von meinen kürzlichen Lauferfahrungen erzählen. Inspiriert durch das Seminar mit Meister Chen Peishan habe ich mir die Frage gestellt, ob das Laufen mit dem Schritt beginnt, oder mit der klaren Absicht den Schritt zu setzen. Und wie immer musste ich das auch gleich ausprobieren. Ich stellte mir ein am Unterbauch (dem Dantian) befestigtes Gummiband vor, das mich nach vorne zieht und den Schritt auslöst. Gleichzeitig stellte ich mir eine warme Hand hinten im Kreuzbein vor, die mich sanft anschiebt. Der Effekt war gewaltig. Die Bewegung schraubte sich ganz warm vom unteren Rücken die Wirbelsäule rauf in Schultern, Ellbogen und Hände. Gleichzeitig pflanzte sie sich über Hüften und Knie in die Füße fort. Auch wenn sich äußerlich vermutlich gar nichts änderte, entstand für mich allein durch die Wahrnehmung ein ganz neues und natürliches Laufgefühl.

Dietmar meinte, das sei gut so. "In allen Aktivitäten kann man die ganzheitliche innere Verbindung der Körpermechanik entwickeln, auch beim Laufen." Im Taiji sprechen wir dabei von der Jin-Kraft. Taijiquan ist genau auf die Entwicklung dieser inneren Qualitäten ausgelegt. Und beim Laufen kann man sie Nutzen. Eine perfekte Symbiose, wie ich finde.

Als wir uns verabschieden meint Dietmar, dass es noch so viel mehr zum Laufen und Taiji zu erzählen gibt. So geht das Abrollen des Fußes mit dem Lösen und Sinken einher. Selbst für Taiji Übende ist das beim Laufen nicht so einfach umzusetzen. Es gilt mit der Zeit eine tiefgreifendere Verbindung zwischen Hirn und Körper herzustellen. Wir verabreden uns zum Laufen, wenn das Wetter nicht mehr ganz so garstig ist. Ich hoffe, dann mehr von Dietmar zu erfahren... und in der Laufpraxis zu erforschen.

von Sabine Rossbach

- to be continued -