xingyiquan_01_interview-mit_meister_luo dexiuVon Dietmar Stubenbaum und Marcus Brinkman

Ein Interview mit Luo Dexiu von Dietmar Stubenbaum und Marcus Brinkman. Aus dem Englischen von Holger Uhlmann. Erschienen im "Journal of Asien Arts", Volume 3, Number 4.

Das folgende Interview wurde am 17. Oktober 1993 in Taipei, Taiwan geführt. Sein Inhalt vermittelt einige Einblicke in Xingyiquan, die während eines ausgiebigen Gesprächs dem Kampfkunstlehrer Luo Dexiu entlockt werden konnten.

Was ist zu beachten, wenn man beginnt, Xingyiquan zu üben?

Obwohl jeder der verschiedenen Xingyi-Stile wegen unterschiedlicher historischer Einflüsse andere Ausprägungen hat, liegen ihnen allen doch dieselben Hauptprinzipien zugrunde. Zu Anfang benutzten alle Xingyi-Stile Übungsformen, die das Wie-eine-Säule-Stehen, Zhang Zhuang 站樁, mit dynamischen Bewegungsabläufen verbinden. Zur Verdeutlichung dieses Prinzips wird manchmal der Ausdruck Säule-Halten, Zhuang Ba 樁把, verwendet. Die praktischen Elemente des Zhuang Ba kommen oft beim Üben der Spaltende Faust, Pi Quan 劈拳,  und/oder des Halbschrittes, Ban Bu 半步, im Xingyiquan zum Tragen.
Genauso wichtig ist es, während des Übens übertriebenen Enthusiasmus oder starke Emotionen auszuschalten. Emotionen trüben das Bewusstsein und verhindern subtiles inneres Wahrnehmen. Wir sind es gewohnt, unsere Haltung von Gefühlen und Willenskraft leiten zu lassen. Im Xingyiquan versucht man, die Abhängigkeit von einer durch den Willen gesteuerten Kraft aufzuheben.

Was ist die Funktion des Zhuang Ba?

Eine stehende Position zu halten stellt ein Fundament dar, von dem aus fließenden Bewegungen, von einem Punkt oder Zentrum ausgehend, beginnen können. Auf diese Weise entstehen keine Unsicherheiten, weder in der äußeren Form noch im Bewusstsein, wenn man von Ruhe in Bewegung übergeht.
Zhuang Ba sollte solange geübt werden, bis man geschmeidig und ohne Anstrengung stehen kann. Das Üben des Zhuang Ba hilft, das Fließen des Qi 氣 und den Blutstrom im Körper zu regulieren und zu normalisieren. Verschiedene Körpertypen neigen zu bestimmten Stärken und Schwächen. Also kann Zhuang Ba helfen, individuelle Defizite zu überwinden, die sich in späteren Entwicklungsstufen des Übens als hinderlich erweisen würden.

Was lässt sich über die Kampfaspekte des Xingyi sagen?

Im Anfangsstadium des Xingyi-Trainings sollte man sich nicht allzu sehr auf detaillierte Kampfanwendungen konzentrieren. Wichtiger ist es, das Hauptaugenmerk auf die korrekte Form zu richten. Also sollte ein Anfänger sich zunächst darauf konzentrieren, die Körperstruktur und den entspannten Geist zu trainieren. Obwohl die grundlegenden Elemente des Xingyiquan darauf ausgerichtet sind, eine starke Verbindung zwischen Körper und Geist herzustellen, sollte am sich anfangs nicht in diesen Übungsaspekt hineinsteigern.

Im Anfangsstadium reicht es aus, mit diesem einen Gedanken im Hinterkopf zu trainieren: "Wenn sich ein Teil von mir bewegt, bewegen sich alle Teile von mir". Konzentriere dich darauf, wie du eine bestimmte Bewegung anfängst und beendest. Auf Details, ob sich z.B. die Hand oder der Fuß oder die Hüfte zuerst bewegen muss, sollte man sich nicht zu sehr versteifen. Auch sollte man sich nicht übertrieben viele Sorgen darüber machen, ob die Position oder der Winkel von Arm- und Beinhaltung bis ins Kleinste stimmt.

Agiert der Körper erst einmal auf natürliche Weise, kann man der Verfeinerung der Bewegung mehr und mehr Aufmerksamkeit schenken. Wie im Anfangsstadium eines jeden anderen körperlichen Trainings steht der Schüler zunächst vor dem Problem, seinen Körper nicht bis zu dem gewünschten Grad unter Kontrolle zu haben. Eines der Hauptelemente des Xingyiquan ist es, den Körper so zu trainieren, dass er dem Geist natürlich folgt. Theoretisch bedeutet dies, dass der Impuls vom Yi 意 ("Imagination, Bewusstsein, Intention") kommt und dann durch den Körper zum Ausdruck gebracht wird. Hier beginnt die eigentliche Verschmelzung von Xing 形 ("körperlicher Ausdruck, Form") und Yi.

Was ist deiner Ansicht nach das Wichtigste, das es beim Üben von Xingyiquan zu beachten gilt?

Übe so lange, bis sich dein Körper in Balance befindet. Die Regulierung der zentralen Energieleitbahnen, Jingluo 經絡, im Körper sollte im Mittelpunkt stehen. Das gilt insbesondere für das Konzeptionsgefäß, Ren Mai 任脈, und das Lenkergefäß, Du Mai 督脈. Im Xingyi wird versucht, innerlich eine wellenartige Energie zu erzeugen, die an der Wirbelsäule entlang auf- und abläuft. Manche nennen dieses Phänomen den Kleinen Himmlischen Kreislauf, Xiao Zhoutian 小周天. Das Wahrnehmen und Verstehen der Körpermechanik sollte ebenfalls mit dieser Art der Energie begleitet werden.

Was ist der Unterschied zwischen inneren und äußeren Kampfkünsten?

Diese Zweiteilung ist nicht wirklich angemessen, wenn man verschiedene Kampfkünste charakterisieren will. Jedoch kann man den Aspekt des Yi innerhalb dieser Zweiteilung differenzieren. So gesehen kann man sagen, dass bei den inneren Kampfkünsten Yi eine größere Rolle spielt als bei den äußeren Kampfkünsten. Das bedeutet nicht, dass die äußeren Kampfkünste keine Kultivierung des Yi kennen. Praktiken wie das Zhan Zhuang, Qigong 氣功 und Meditation finden sich auch in den äußeren Kampfkünsten.

Der Unterschied besteht darin, bis zu welchem Grad Yi kultiviert werden soll und welcher Stellenwert ihm in der jeweiligen Kampfkunst eingeräumt wird. Die inneren Kampfkünste heben die Yi-Kultivierung als den Ausgangspunkt für ihre elementaren Bewegungen hervor, während die äußeren Kampfkünste sich zuerst auf die Entwicklung der körperlichen Form konzentrieren und sich dann der Kultivierung des Yi zuwenden. Prinzipiell aber ist das Ziel des Praktizierens in sowohl den inneren als auch den äußeren Kampfkünsten die Vereinigung der Jin-Kraft des Innen und des Außen, Nei wai hejing 内外合勁.

Was sind die hauptsächlichen Unterschiede zwischen den drei inneren Kampfkünsten Taijiquan, Xingyiquan und Baguazhang?

Im Prinzip sind Taijiquan, Xingyiquan und Baguazhang eng miteinander verwandt. Aber auch hier kann man die Unterschiede am besten daran festmachen, welchen Stellenwert einzelne Aspekte besitzen. So wird Taijiquan oft wegen seiner praktischen Anwendung mittels Folgen und Haften genannt. Diese Kampfkunst entwickelt und verfeinert die Fähigkeit zur Wahrnehmung der Verlagerung von Leere und Fülle. Die Effektivität kommt hauptsächlich aus dem entspannten Hüftbereich. Taijiquan nimmt den gegnerischen Angriff daher entspannt auf und gibt ihn energetisch zurück. Im Baguazhang ist die Betonung auf der Veränderung der Position, um einen überlegenen Ausgangspunkt aufrecht zu erhalten, hoch entwickelt. Es beginnt energetisch und endet entspannt.

Die Effektivität im Xingyiquan ist am deutlichsten bei seinen Vor- und Rückwärtsbewegung sichtbar. Die Schlag- und Angriffsbewegungen sind dazu bestimmt, den Gegner aus dem Gleichgewicht zu bringen. Hierbei ist die Hand wichtigstes Ausdrucksmittel. Auch Xingyiquan startet energetisch und endet entspannt.

Gibt es irgendwelche Aspekte bezüglich der Kultivierung des Inneren, die deiner Meinung nach oft falsch vermittelt werden?

Viele Lehrer bringen ihren Schülern fälschlicherweise bei, dass Kampfkunsttechniken nicht mit Kraft ausgeübt werden dürfen. Richtigerweise sollte dem Schüler aber beigebracht werden, seine Kraft nicht exzessiv zu benutzen, denn das führt dazu, dass man die Kultivierung des Yi-Aspekts aus den Augen verliert.

Was bedeutet Fajing 發勁 (explosiv-entspanntes Abgeben der Kraft) im Xingyiquan? 

Es ist schwierig, über Fajing zu sprechen, wenn man nicht gleichzeitig die Umstände berücksichtigt, unter denen Fajing eingesetzt wird. Die Situationen bezüglich dessen, was mit Fajing bezweckt werden soll, sind zahlreich - also sind auch die Anwendungen zahlreich. Weil Fajing nicht in einem Vakuum bestehen kann, sind außerdem eine korrekte Positionierung und die richtigen Gegebenheiten hinsichtlich des Angriffsziels unabdingbar. Fajing bei einem völlig stabilen Gegner anzuwenden wird kein positives Resultat zur Folge haben.
Die Anwendung des Fajing läuft daher auch nicht immer auf ein positives Ergebnis hinaus. Fajing wird dann richtig eingesetzt, wenn beim Gegner Instabilität festgestellt wird. Ist das der Fall, kann Fajing mit dem Rückgrat, der Hand, dem Ellenbogen, der Schulter etc. oder mit dem Halbschritt angewandt werden.

Was bedeutet Jing im Wort Fajing?

Jing bezieht sich auf den synergetischen Effekt, der als Folge der Kombination von Xing und Yi eintritt. Üblicherweise bedeutet das, dass Kraft von einem Punkt aus abgegeben oder auf einen Punkt gerichtet wird. Der Geist fokussiert physische Kraft auf einen Punkt und gibt diese dann schlagartig von genau diesem Punkt ab. Das setzt Timing, Kontrolle und einen eigenen Abstoß- sowie einen Ansatz- oder Kontaktpunkt beim Gegner voraus. Eine korrekte Körperausrichtung und fließende Vor- und Rückwärtsbewegungen stellen die Grundlage für die Verwirklichung dieser Kraft in der Anwendung dar.

Kann Yi unter Zuhilfenahme eines externen Trainingsgerätes kultiviert werden?

Selbstverständlich kann die Kultivierung des Yi weiter verfeinert werden, indem man beispielsweise mit nur minimalem Körpereinsatz an einem Sandsack übt. Hierbei sollte tatsächlich aber nur das Yi verstärkt den Sandsack durchdringen. Auf diese Weise kann man außerdem die eigene Reaktion auf den Aufschlag beobachten.

Was ist Xingyi Neigong 形意内功?

Im eigentlichen Wortsinn beschreibt Neigong Praktiken, die sich auf das Körperinnere beziehen, wie Meditation, Qigong und eine Reihe lebensverlängernder Übungen. In der chinesischen Medizin ist Neigong ein Übungssystem, das eine Regulierung des Qi und der Blutzirkulation beinhaltet, und so eine Wiederherstellung der körperlichen Ausgeglichenheit sucht.
Das Neigong im Xingyiquan kann je nach Stil unterschiedlich sein. Neigong kann in verschiedenen Körperhaltungen geübt werden, also im Stehen, Liegen oder Sitzen. In den Kampfkünsten wird allerdings das Zhan Zhuang am meisten praktiziert.

Was ist der Zweck des Zhan Zhunag?

Das Praktizieren des Zhan Zhuang kann die Art und Weise ändern, mit der man Fajing anwendet. Indem es den Geist zur Ruhe kommen lässt und die Person konsequent von Ängsten befreit, löst Zhan Zhuang während des Anwendens von Fajing Entspannung aus und bewahrt so Energie. So wird man unabhängig von durch Willen hervorgerufene Kraft und vermeidet eine Überstimulation des Nervensystems.
Außerdem schafft Zhan Zhuang verschiedene innere und äußere Ausrichtungen, die dabei helfen können, körperliche Disharmonien auszugleichen und sich unterstützend auf das Gefühl der Zentriertheit auswirken. Diese Ausrichtungen stabilisiert das Xin 心 (Herz/Geist) reguliert das Qi, und erlauben es, das Bewusstsein auf einen bestimmten Punk zu richten. Der Brustkasten sollte leicht nach innen gewölbt, der Rücken und die Schultern gerundet und die Ellenbogen gesenkt, das Herz offen und entspannt sein, getragen von einem Gefühl, dass der Körper nicht existiert.

Das kann erreicht werden indem man sich vorstellt, man wäre ein gigantischer Buddha, der über eine weite Fläche blickt, wie z.B. den Horizont oder den Ozean. Ein Sinn für Unermesslichkeit und das Gefühl, über ein zentriertes, gesammeltes Bewusstsein zu verfügen, können sich einstellen. Eine ähnliche Vorstellung findet sich in der Redewendung "unbewegt wie ein Berg sein", Budong ru shan 不動如山, das einen Gefühlszustand beschreibt, in dem Expansion und Stille gleichermaßen erlebt werden.

Die Kultivierung der Stille sensibilisiert das Bewusstsein über subtile innere Vorgänge. In diesem Zustand können die eigenen, inneren Körperrhythmen realisiert werden. Der Atem reguliert sich von selbst über eine Harmonisierung mit diesen Rhythmen. Schließlich spürt man das Verlangen, die eigenen Körperrhythmen den übergeordneten Rhythmen des Universums anzugleichen. Dieser Bewusstseinszustand führt zu einer Ausdehnung des Yi, das man dann besser meistern kann.

Was soll man tun, wenn während des Stehens Schmerzen auftreten?

Auftretende Schmerzen zeigen an, das eventuell bereits existierende Disharmonien zwischen dem Qi und dem Blutkreislauf im Körper zum Tragen kommen, die vielleicht von einer Verletzung oder Krankheit aus vergangenen Tagen stammen. Durch das Stehen können vergangene Disharmonien vorübergehend wieder ins Leben gerufen werden, bis der Körper in der Lage ist, sich wieder selbst zu stabilisieren. Weil Zhan Zhuang die Entspannung sucht, ist Schmerz ein Zeichen dafür, dass es im Körper Bereiche gibt, die sich noch nicht entspannen können. Mit fortschreitender Fähigkeit zu Entspannung wird der Schmerz allmählich nachlassen.

Soll der Körper ganz und gar entspannt sein?

Nun, Entspannung, Song 鬆, bedeutet nicht völlige Schlaffheit, wie im Westen oft fälschlich verstanden. Vielmehr ist eine Entspannung bis zu einem gewissen Grad gemeint, welche eine zwanglose Anwendung des Fajing und eine bewusste Wahrnehmung jedes Körperbereichs erlaubt und schließlich zu einer höheren Sensibilität für innere Körperrhythmen führt.
Sensibilität für den Körper zu entwickeln lehrt physische Stärke mit dem Geist zu verbinden. Der Körper wird folglich jedem Wunsch des Geistes nach Bewegung auf ganz natürliche Weise entsprechen. Tatsächlich wird so Energie bewahrt und nicht verschwendet. Dies ist von immenser Wichtigkeit, wenn man Fajing entwickeln will, ohne die Energieressourcen des Körpers zu erschöpfen.

Sollte der Atemstrom auf das Dantian 丹田 konzentriert werden?

Das Problem, Yi in das Dantian sinken zu lassen hängt mit der Geisteskontrolle zusammen. Das Dantian repräsentiert nicht nur den Unterleibsbereich, sondern auch andere Bereiche des Körpers und oftmals den Körper als Ganzes. Jedoch sollte man zu Anfang das Yi auf das Dantian richten. (Dantian [Zinnoberfeld]: Bezeichnung für eine Stelle im unteren Unterleibsbereich des Körpers, die sich etwa 7,5 cm unterhalb des Nabels befindet.)

Wie viele Stunden am Tag sollte man üben?

Wenn Qigong-Übungen über die eigenen physischen und geistigen Grenzen hinaus betrieben werden, dann werden aus ihnen Übungen der Willenskraft. Wenn dann die Ermüdung einsetzt, nimmt die Sensibilität für innere Prozesse ab. Man sollte also vermeiden nach einem im Voraus aufgesetzten Zeitrahmen zu trainieren, denn das würde das Ziel verfehlen. Stattdessen ist es ratsam mit dem Gedanken "Eine Minute Übung schafft das Ergebnis einer Minute Übung" zu trainieren. Die dahintersteckende Idee ist, während des Übens alles zu geben, was man hat, ohne dabei seine momentanen Grenzen zu überschreiten. So trägt man dazu bei, dass der Körper Qi- und Blutstrom-Disharmonien von selbst heilt, anstatt dessen Ressourcen zu erschöpfen.

Welchen Nutzen hat das Üben des Wuxingquan 五行拳 (Faustkampfform der Fünf Wandlungsphasen)?

Jede der fünf Boxtechniken manifestiert Fajing auf unterschiedliche Weise. Die Energie des Piquan 劈拳, der Spaltenden Faust, nimmt den Weg von oben nach unten, die von Zuanquan 鑽拳, der Bohrenden Faust, den von unten nach oben. Die Energie von Bengquan 崩拳, der Schmetternden Faust, fließt vorwärts und rückwärts, die von Paoquan 炮拳, der Hämmernden Faust, von innen nach außen und die von Hengquan 橫拳, der horizontal Überkreuzenden Faust, von außen nach innen. Wuxingquan isoliert die Energieflussrichtungen, indem eine Bewegung immer und immer wieder geübt wird. Das Yi und die Bewegungen des Körpers - also die äußere Form, Xing - werden so trainiert, dass sie eng miteinander verbunden werden. Zu guter Letzt versucht Xingyiquan, die Fünf Wandlungsphasen zu einer einzigen Energieeinheit zu verschmelzen. So läuft der Übergang von einer Boxtechnik zu anderen wohlkoordiniert ab, also ohne Verzögerung oder Verfrühtheit.

Ist das nicht auch die Funktion von Wuxing Lianhuanquan 五行連環拳 (Zusammengeführte Faustkampfform der Fünf Wandlungsphasen) im Xingyiquan?

Ja. Das Üben des Wuxing Lianhuanquan treibt die Expansion des Yi weiter voran, was eine stetige Entwicklung der geistigen Präsenz mit sich bringt. Dieses Üben manifestiert sich als eine Fähigkeit, die manchmal im Chinesischen mit Jincou 緊湊, eng und kompakt, beschrieben wird. Dieser Ausdruck beschreibt eine Art absolut nahtlosen Überhangs von einer Bewegung in die nächste, also eines vollständig integrierten, zusammenhängenden Bewegungsablaufs, bei dem es weder einen Bruch körperlicher – Xing - noch geistiger – Yi - Natur gibt. Die Einheit und Verbindung von bzw. zwischen Xing und Yi ist dann voll entwickelt.

Der Begriff Shengsheng buxi 生生不息 will so viel heißen wie ununterbrochene Abfolge und/oder fortgesetzte Schöpfung. Somit bezieht er sich auch auf jene nahtlose Kontinuität, die sich entwickelt, wenn man Einzelbewegungen durch das Üben von Lianhuanquan miteinander verbindet.

Aus der Perspektive der Kampfkunst besteht das Ziel nun darin, das eigene Yi ausgedehnter als das des Gegners zu machen. Das Lianhuanquan des Xingyiquan ist in dieser Hinsicht besonders effektiv. Bei näherer Betrachtung der Lianhuanquan wird man feststellen, dass es sich bei Bengquan zum Großteil um eine der hauptsächlich verbindenden Bewegungen handelt. Die Einfachheit von Beng Quan erlaubt eine reibungslose Integration von körperlicher Form – Xing - und Bewusstsein – Yi.

Was sollen die Zwölf Tierformen, Shi‘erxingquan 十二形拳, betonen?

Als Erstes muss man wissen, dass das Repertoire des Xingyiquan essentiell nur fünf Formen umfasst. Allerdings gibt es eine Anzahl von technischen Variationen von jeder dieser fünf. Die Zwölf Tierformen sind Weiterentwicklungen der essentiellen Fünf Wandlungsphasen. So ist das Pferd beispielsweise wie eine Umkehrung des Zuanquan, der Drachen wie ein doppeltes Piquan, der Hahn wie Paoquan, Taixing 駘形 (ein mythologischer Vogel) ist wie Hengquan, usw. Jede Tierform ist eigentlich nur eine andere Interpretation von einer der fünf Grundformen. Sieht man von der Variation einzelner Körperhaltungen ab, so besteht der Unterschied darin, dass das Verhaltensmuster, Xing 性, des jeweiligen Tieres mit einbezogen wird.

Wie definiert sich das aus der Perspektive des Xingyi?

Verhalten und Ausdruckskraft bezeichnen hier unter anderem Eigenschaften und Fähigkeiten. Damit ein Tier sich in die Natur integrieren kann, benötigt es spezielle Eigenschaften. Verantwortlich für die Fähigkeiten eines Tieres, sich anzupassen, ist sein Verhalten.
Der Affe beispielsweise ist flink, aber dennoch vorsichtig. Seine Schlauheit zeigt sich bei seinen Schlag-zu-und-flüchte-Taktiken. Die Entschlossenheit eines Bären zusammen mit seiner ungeheuren Kraft reicht aus, einen Baum auszureißen. Das kämpfende Huhn reißt und zerrt mit seinem Schnabel und seinen Klauen, um rücksichtslos seine Jungen zu verteidigen. Der Tiger besitzt Wildheit und hat die Fähigkeit, sein Körpergewicht auf seine Beute zu stürzen. Was den Drachen anbelangt, so zeigt er uns aufsteigende und fallende Bewegungen; seine Springbewegungen demonstrieren, wie man die der Wirbelsäule entlanglaufende Energie nutzt. Der Drache ist eine sehr mächtige und in China – im Gegensatz zum Westen – sehr wertgeschätzte Kreatur. Er fürchtet nichts. Er kennte keine Grenzen. Er fühlt sich sowohl im Himmel als auch in der Hölle zu Hause.

Die Verschmelzung von Form und Verhalten schafft eine beträchtliche Anzahl von Möglichkeiten im Xingyi-System. Bewegungen können sich innerhalb der Bewegung selbst verändern, und Veränderungen wiederum innerhalb der Veränderung. Um ein Beispiel zu nennen: Wenn im Xingyiquan beim Piquan das Verhaltensmuster des Drachen angenommen wird, dann kann Piquan mit einer entfalteten Wirbelsäulenenergie ausgeführt werden. Ist das der Fall, gewinnt die Bewegung des Piquan deutlich erkennbar weitere Dimensionen beim Sprung hinzu. Das Grundprinzip der Bewegung bleibt erhalten, aber es findet sichtlich eine Transformation im Ausdruck der Gesamtbewegung statt.

Wenn andererseits beim Piquan das flinke und vorsichtige Verhaltensmuster des Affen angenommen wird, wird die Wirbelsäulenenergie eine schnelle und relativ kompakte Erscheinungsform besitzen. Die jeweils herrschenden Umstände sollten die Wahl des Tieres bestimmen, das in der Form ausgedrückt werden soll. Beispielsweise muss ein Affe seine Stärken und Schwächen gegeneinander abwägen, wenn er auf einen bestimmten Gegner trifft. Falls er von einem weitaus größeren Gegner angegriffen wird, muss sich der Affe unter Umständen seine listige Natur dienstbar machen, um seine eignen Schwächen auszugleichen. Wie ein Jäger muss man für jede Situation die wirksamste Waffe wählen.

Wenn sich die Form je nach Absicht verändern kann, dann nehme ich an, dass das auch umgekehrt der Fall ist?

Genau! Betrachten wir noch einmal Piquan, um uns diesen Sachverhalt klarer zu machen. Piquan kann als Handflächenschlag gegen die Stirn ausgeführt werde, aber dieselbe Bewegung kann in einen stechenden Schlag in die Augen abgeändert werden. In diesem Fall bleibt die Absicht die gleiche, aber die Form hat sich geändert. Oder nehmen wir Bengquan als Beispiel. Dieses kann in einer Weise angewandt werden, die dem Shaolinquan 少林拳 ähnlich sieht, oder in einer anderen Weise, die dem Taijiquan ähnelt, und dennoch bleibt es Bengquan. Was sich ändert, ist der Geist. Die Fünf Wandlungsphasen können je nach Vorliebe des Übenden anders ausfallen. Groß kann zu klein, klein zu groß werden.

Was ist der Zweck des Banbu (Halbschritt) und des Jinbu 進步 (ganzer Schritt)?

Den Körper von einer Stelle zur anderen zu bewegen, ohne die korrekte Körperausrichtung zu verlieren, kann am effektivsten mithilfe des Banbu erreicht werden. Der Banbu kann entweder vorwärts oder rückwärts getätigt werden. Der Jinbu besteht ganz einfach aus zwei aufeinander folgenden Banbu.

Kannst du ein Beispiel nennen, wie die Schrittarbeit im realen Kampfgeschehen eingesetzt werden kann?

Natürlich. Von einer fixen Position aus kann der Körper mittels eines Banbu zurückrollen, sich dem Rhythmus eines Gegners anpassen und dann mit einem gegenläufigen Banbu wieder auf ihn zukommen. Ein weiter Banbu ist angebracht, wenn der Gegner entwurzelt ist, um ihn schneller aus dem Gleichgewicht zu bringen. Wird der Banbu angewandt, so bleibt die Körperpositur konstant ausbalanciert. Aus diesem Grund kann man schneller reagieren, und die Kraft verpufft nicht.

Der Folgeschritt erlaubt einem, sein Körpergewicht mit der korrekten Körperausrichtung auf eine für die Anwendung des Fajing günstigere Position zu bringen. Fajing kann auch dadurch verstärkt werden, indem es mit der Bewegung des Körpers und dem gewonnenen Raum koordiniert wird. Wenn sich jemand schon relativ geschickt mittels Banbu vor- und rückwärts bewegen kann, dann sollte er damit beginnen, den Winkelhalbschritt zu üben.

Wie kann man beim Xingyiquan die Kontrolle über eine Kampfsituation behalten?

Man sollte davon absehen, ungezügelt zu attackieren. Zerstöre die Verteidigung deines Gegners stückchenweise und wohldosiert. Wenn du einen Schlag anbringst, dann dehne ihn nicht zu weit aus. Beim Xingyiquan verbleibt immer etwas Reichweite in Reserve. Wenn jedes Mal nur 70 Prozent der eigentlichen Reichweite genutzt werden, dann können Folgebewegungen verhältnismäßig einfach ausgeführt werden. Versuche nicht, den Kampf mit einer einzigen, zu weit ausholenden Bewegung zu beenden.

Außerdem sollte Yi unverändert bleiben, auch wenn sich der Körper über eine größerer Distanz wie etwa drei bis sechs Meter bewegt. Mit einem gleich bleibenden geistigen Fokus zu üben hilft bei der Entwicklung kontinuierlicher Beweglichkeit.

Eines der Hauptziele im Xingyiquan ist es, Vor- und Rückwärtsbewegungen des Körpers zu koordinieren. Das Vor- und Zurückbewegen des Körpers sollte sowohl in die Kampftechnik als auch in die Fähigkeit integriert sein, Fajing auszuüben. Viele Kampfstile sind darauf ausgerichtet, Kraft aus einer fixen Position heraus abzugeben; unter Umständen aber geht kurzfristig die Ausrichtung verloren, wenn von einer Positur in eine andere übergegangen wird. Deshalb kann während eines solchen Übergangs zeitweise keine Kraft abgegeben werden, was zur Folge hat, dass der Bewegungsspielraum im Endeffekt ziemlich begrenzt wird.
Eines der hervorstehenden Merkmale im Xingyi ist der weite Bewegungsspielraum. Im Wesentlichen kann man sagen, dass ein weiter Bewegungsspielraum die Fähigkeit erkennen lässt, nicht nur von einer fixen Position sondern auch während der Bewegung Kraft abgeben zu können.

Was ist zu den technischen Aspekten des Kampfes zu sagen?

Weiche während des Kampfes zuerst der Attacke des Gegners aus und bewege dich dann vorwärts auf ihn zu. Die Drei Punkte, Sanjian 三尖 (die Mittelachse, die von einer Ausrichtung der Nase, der Hände und der Füße geschaffen wird), sollten geschützt sein, wenn diese Art der Bewegung ausgeführt wird. Im Xingyi ist es ratsam, die Faust über der Mittelachse zu halten, damit ein herannahender Angriff durch eine minimale seitliche Bewegung abgewehrt werden kann.

Ferner sollte dein Yi dem deines Gegners überlegen sein. Die schnellste Verbindung zwischen zwei Punkten ist Yi. Wenn du dich deinem Angreifer gegenübersiehst, musst du zuerst seinen Geist und dann sein Körpertempo erfassen. Den Geist zu erfassen setzt voraus, dass es in deiner eigenen Wahrnehmung weniger Störungen gibt als in der des Gegners, denn das erlaubt dir, den richtigen Moment zum Angreifen abzupassen. Also muss sich bei einer Verschmelzung mit der Bewegung des Gegners auch dein Yi mit dem Seinigen verbinden. Wenn du ohne Anstrengung das Tempo des Gegners erfassen kannst, dann wirst du keine Probleme haben, den Kampf zu dominieren. Das ist Xinfa 心法, Wissen, das auf Erfahrung beruht und dadurch das Wesen oder die Essenz eines Objektes offen legt. Man könnte für die Anwendung auf einen Gegner hin auch von einer mentalen Strategie sprechen.

Welches Problem haben die meisten Übenden bei ihren Xingyi-Stellungen?

Das größte Problem für die meisten besteht darin, dass die Hüfte nicht richtig justiert werden kann. Schuld daran ist meist Schmerz im hinteren Bein, der während des Stehens gefühlt wird. Wenn die Hüften falsch ausgerichtet sind, dann kann sich das hintere Bein unmöglich in eine geschlossene Haltung einfügen. Das Resultat eines zu weit gewölbten Hinterbeins ist eine instabile Positur, in der es unmöglich ist, Fajing auszuüben.

Die Haltung kann allerdings auch zu geschlossen sein. Das bedeutet, dass alles zu sehr nach innen gezogen wird, was dann ein Ungleichgewicht und eine instabile Ausrichtung zur Folge hat. Probleme gibt es auch, wenn beim Stehen zu viel Kraft angewandt wird. Das verursacht Muskelspannung, die sich hinderlich auf eine für die Wahrnehmung innerer Prozesse nötige Entspannung auswirkt. Es über einen längeren Zeitraum zu betreiben entwickelt den Willen zu stark.

Eine andere weit verbreitete Schwierigkeit ist eine schlechte Integration der Körperbewegung. Das ist z.B. der Fall beim Piquan, wenn sich die vordere Hand bewegt, die hintere Hand sich aber nicht anpasst. Oder die Bewegungen der Hände und der Füße sind nicht aufeinander abstimmen. Im Prinzip sind die Bewegungen des Xingyiquan nicht extrem kompliziert, aber die Qualität ihrer Ausführung sollte hoch sein.

Wie sollten deiner persönlichen Meinung nach die Fünf Wandlungsphasen in einer Kampfsituation angewendet werden?

Eigentlich werden Kampftechniken individuell zum Ausdruck gebracht. Also kann eine bevorzugte Form gewählt und so angepasst werden, dass sie für jede Kampfbegegnung anwendungsfähig ist. Jemand mag kontinuierlich Angriffe mit einer Boxtechnik ausführen und dabei im Hinterkopf behalten, dass der Angriff nur dazu dient beim Gegner einen Gegenangriff oder eine Verteidigung auszulösen. Dies deckt sich mit dem Bestreben, sich zuerst einen Ausgangspunkt und eine günstigere Ausgangsposition zu eigen zu machen. Nachdem die Reaktion stattgefunden hat, kann er mit derselben Boxtechnik weiter angreifen. Diese Art Übung sollte zusammen mit einem Trainingspartner durchgeführt werden, damit sich das Wissen um die Anwendung sich zuerst tief mit dem Unterbewusstsein verbindet.

Beginne mit einfachen Attacken. Studiere alle Möglichkeiten, eine Brücke zu bilden: niedrig, hoch. links, rechts usw. Lasse hin und wieder deinen Gegner attackieren und versuche so gut, es geht eine bestimmte Boxtechnik als Abwehr zu gebrauchen. Trainiere Vorwärts- und Rückwärtsbewegungen zu beiden Seiten hin und fahre dann fort, deine Bewegungen von groß zu klein und von klein zu groß hin zu verändern.

Willst du abschließend noch etwas sagen?

Wenn es beim Üben des Xingyiquan irgendwo Bereiche des Mangels gibt, dann sollte man sich nicht bei anderen Kampfkunstarten bedienen, um seine Wissenslücken zu kompensieren.