Von Sabine Rossbach

2018 09 HC 001 450Es ist still in der Trainingshalle im KJC in Ravensburg. Ich höre nur ganz leise den Atem der anderen Teilnehmer, während wir mit geschlossenen Augen ruhig stehend intensiv arbeiten, um unsere innere Struktur zu finden. Die Konzentration liegt auf dem Fußballen und der Verwurzelung der Füße mit dem Boden, wandert in die Rundheit der breiten Standstellung „Mabu“, in das Lösen der Hüftmuskulatur. Hinter mir höre ich leise Schritte, dann ein sanftes Tippen unseres Lehrers Dietmar auf meine Schultern und zwischen die Schultern. Ich versuche auch hier weiter loszulassen und stabil zu stehen.

Innere Struktur und Stabilität waren die Kernthemen des diesjährigen Taijiquan Xiaojia Herbstcamps der Pagode Friedrichshafen, das vom 29.09. – 03.10.2018 in Ravensburg stattfand. Seit 6 Jahren übe ich Taiji in der Pagode und seit 6 Jahren bin ich jedes Jahr dabei, wenn sich Schüler und Lehrende aus verschiedenen Ecken Deutschlands und Europas Treffen, um mit Dietmar Stubenbaum die Lehren unseres Taiji-Stils zu erforschen und zu üben. „Wenn ihr die innere Struktur nicht aufrechterhalten könnt, werdet ihr nie gutes Taiji praktizieren können“, meinte Dietmar zum Einstieg in den Trainingsteil.

Während die Einsteiger parallel mit Annemarie Leippert die Choreografie lernen, hängen die Fortgeschrittenen und Lehrer an Dietmars Lippen. Was sich so einfach anhört und im Stand immer besser funktioniert, ist in der Bewegung gar nicht so leicht umsetzbar. Dietmar erklärt uns in jeder Position und jedem Positionswechsel, wie wir die innere Struktur beibehalten können und warum sie für die Anwendung so wichtig ist. Die Anwendung zeigt er uns mit Hilfe eines erfahrenen Schülers, wenn er dessen Kraft beim Schieben ableitet und ihn scheinbar mühelos zu Fall bringt. Es wird immer klarer, warum wir die Dinge so üben sollen, wie sie sich die alten Taiji Meister nach langem Studium der Bewegungsabläufe im Kampf ausgedacht haben. Und dann sind wir drann…

„Tuishou – die schiebenden Hände – gehören zum Taiji dazu“, meint Dietmar. Ich finde den Ablauf der schiebenden Hände schwierig. Während ich sonst Choreografien gut lernen kann, will mir das gemeinsam mit einem Partner nicht in den Kopf. Denn es gilt die Aktion des Partners zu erfühlen und dann zu reagieren. Ganz anders als in der Form. Aber darum geht es dabei. Beides zusammenzubringen. Die Form in die Partneranwendung und die angewendete innere Struktur in die Form.

Wir fangen dieses Jahr ganz einfach an und konzentrieren uns zunächst nur auf das Sinken und Ausdehnen. Während mein Partner mich mit sanftem Druck auf die Oberarme schiebt, versuche ich mit Sinken in den Hüften und Ausdehnen im Oberkörper ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen. Er gibt mir Feedback, wo ich zu steif bin, zu tief oder zu wenig sinke. Von gefühlt 100 Versuchen schaffe ich es immerhin einige Male ihn auf die Fersen und damit aus dem Lot zu bringen. Dieses Gefühl muss ich jetzt für mich konservieren und „nur noch“ in die Form bringen…. Das wird noch ein ganzes Stück Weg sein. Wir tauschen die Rollen. Ihm gelingt es deutlich besser, mir die Stabilität zu nehmen. Ich gebe ihm wiederum Feedback wenn ich merke, dass er nicht ganz so effektiv war und was gefehlt hat oder zu viel war… und lerne auch dabei weitere Bewegungsdetails. Dietmar motiviert uns möglichst oft mit Partner zu üben. „Das ist euer Kontrollinstrument, ob ihr die Form richtig macht.“

Ein weiterer Übungsschwerpunkt des diesjährigen Herbstcamps lag auf der Wiederholung der traditionellen Schwertform. 45 Bilder galt es zu wiederholen, zu üben und zu verfeinern. Für mich war es das erste Mal und ich habe jedes Bild für mich neu entdeckt. Die Schwertform ist sehr ästhetisch, wenn man es richtig macht. Und dazu gehört auch wieder die innere Struktur zu finden und zu bewahren, erklärt uns Dietmar. Mir gelingt das noch nicht, weil ich die Choreografie erst noch lernen muss. Die erfahreneren Schüler und Lehrer arbeiten unter Dietmars Anleitung bereits an den Details und ich freue mich darauf, die Schwertform auch irgendwann so gut zu beherrschen.

Das Herbstcamp war auch dieses Jahr wieder eine tolle Möglichkeit 5 Tage am Stück konzentriert an den Taiji-Bewegungen zu arbeiten. Neues zu lernen, Bekanntes zu wiederholen, auszufeilen und zu üben. Es ist aber auch jedes Jahr eine sehr schöne Gelegenheit, sich mit vielen Taiji-Schülern und Lehrern auszutauschen, die man sonst gar nicht treffen würde. Der gemeinsame Pizza Abend in der Pagode, der Vortrag von Julian oder die gemeinsamen Mittagessen sind deswegen genauso wichtig, wie der Unterricht selbst. Deswegen freue ich mich schon, auf das nächste Jahr.