Beim Sizheng Taijiquan handelt es sich um eine kurze Form mit 20 Bewegungen, die von allen Taijiquanpraktizierenden egal welcher Stilrichtung (Chen, Yang, Sun, Wu etc.) geübt werden kann. 
Bei dieser Form handelt es sich nicht um eine simple Vereinfachung und Kürzung der traditionellen langen Form Yilu, sondern sie wurde über Jahre hinweg von Meister Chen Peishan entwickelt, um es uns modernen Menschen zu erleichtern, die inneren Bewegungen (neijin) im Taijiquan zu erlernen, und gleichzeitig am Lösen von Spannungen und Korrigieren von Fehlhaltungen zu arbeiten, die bei den meisten Menschen durch ihren Bürojob auftreten.

Nachfolgend ein Auszug aus einem Interview mit Meister Chen Peishan erschienen im Journal "cultura martialis Heft Nr.5" (das Heft mit dem vollständigen Interview ist noch erhältlich)

Cultura martialis:
Inzwischen gibt es aber doch viele kurze Formen für Anfänger in den unterschiedlichen Stilarten des Taijiquan. Warum waren Sie dennoch der Meinung, dass hier die Notwendigkeit für eine weitere Form bestünde?

Chen Peishan:
Nach dem ich in Tokyo begonnen hatte, Xiaojia zu unterrichten, waren viele meiner Schüler der Meinung, dass es sehr schwierig wäre, die traditionelle Form zu lernen. Zuerst unterrichtete ich dreißig Schüler. Bald darauf waren es nur noch sieben. Alle sagten mir, es sei zu schwierig.
Dann kamen Leute zu mir aus anderen Kampfkünsten, die dann wiederum nur den kämpferischen Aspekt des Taijiquan kennen lernen wollten. Das Publikum, das Taijiquan aus gesundheitlichen Gründen lernen wollte, blieb aus, da sie von den bereits verbreiteten Taijiquan-Formen in Japan geprägt waren und deshalb eine andere Vorstellung hatten von der Verbindung zwischen Taijiquan und Gesundheit.

 

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Es ging also nicht darum, nur eine weitere Form zu schaffen, sondern den Zugang zu den traditionellen Prinzipien des Taijiquan für den modernen Menschen zu erleichtern. Das Verständnis und die Umsetzbarkeit dieser Prinzipien sind für den positiven Effekt auf unsere Gesundheit letztendlich verantwortlich.
In diesem Zusammenhang genügte es nicht, nur eine lange Form zu kürzen und schwierige Bewegungen auszulassen. Von großer Bedeutung war es, Lösungen zu finden für die auftretenden Schwierigkeiten, denen sich der moderne Schüler beim Erlernen des Taijiquan ausgesetzt sieht.
Natürlich war da auch die Frage, mit welchen gesundheitlichen Problemen der moderne Mensch heute konfrontiert ist. Viele Leute müssen zu viel Zeit während ihrer Arbeit vor dem Computer verbringen, was zu Verspannungen, einem steifen Nacken, Augenproblemen und oft auch Schwierigkeiten mit der Verdauung führt. Welcher Angestellte, der den ganzen Tag praktisch nur an seinem Schreibtisch sitzt, kennt diese Probleme nicht.
Meine Idee war es,  in einer kurzen Form die essentiellen Prinzipien der langen Form in einfacheren Bewegungen zusammenzufassen und dabei gleichzeitig gezielt auf gesundheitliche Probleme einzugehen.
Nach einem längeren experimentellen Stadium, an dem viele meiner Schüler teilgenommen hatten, wurde Sizheng-Taijiquan nachdem es die Erprobungsphase überstanden hatte, offiziell unterrichtet.
Um den Bewegungsablauf der traditionellen Form zu lernen, braucht man in der Regel zwischen ein bis zwei Jahren. Danach beginnt man die innere Form, die innere Bewegung (Neijin) zu lernen. Den Bewegungsablauf von Sizheng Taijiquan kann man in einer Woche lernen und das innere Training kann so früher beginnen.

Cultura martialis:
Was bedeutet Neijin (die innere Bewegung) im traditionellen Taijiquan?

Chen Peishan:
Neijin in ein paar wenigen Worten zu erklären ist sehr schwierig. Es sind viele Ausführungen notwendig, nicht nur verbal, vor allem auch praktisch. Von manchen wird neijin als innere Energie bezeichnet, doch ich denke nicht, dass es als Energie bezeichnet werden kann. Es ist vielmehr eine Bewegung.
Lassen sie es mich so erklären: um ein Kraftfahrzeug zum Laufen zu bringen, schiebe ich es normalerweise nicht an, sondern es hat einen Motor und verschiedene Teile wie Getriebe, Kupplung und Antriebswelle. Es ist also viel involviert, um die Kraft vom Motor auf die vier Räder zu übertragen.
Das Zentrum der Bewegung im Taijiquan ist das Dantian 丹田, das energetische Zentrum unterhalb des Bauchnabels. Die Körperbewegung wir durch Jie 節 entwickelt. Jie bedeutet Segment. So kann man sich vorstellen, dass es viele Segmente im Körper gibt. Die Bewegung eines einzelnen Segments transferiert die Bewegung zum nächsten Segment und dann wieder zum nächsten usw. Die Bewegung der Segmente wird spiralförmig und mit großer Elastizität übertragen, transformierend vom Dantian über die vielen einzelnen Segmente zu den äußersten Extremitäten. Diese Bewegung oder transferierende Übertagung kann man als Jin bezeichnen. All dies unterscheidet jin natürlich von einer Bewegung, die mit roher Kraft und Spannung ausgeführt wird. Das jin besteht aber nicht nur aus einer physisch übertragenen Segmentbewegung sondern steht auch in Verbindung mit dem Qi 氣 und Yi 意, der Vorstellung, und anderer feinstofflicher Elemente. Eine Bewegung, die aus all diesen physischen und feinstofflichen Ressourcen erzeugt wird, bezeichnet man als Jin.

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